Die Welt ist in nur wenigen Jahren völlig aus den Fugen geraten, die realsozialistischen Gesellschaften sind wie morsches Gebälk zusammengebrochen, politische Feindbilder und ideologische Koordinatensysteme, die für die (zumindest vorläufige) Ewigkeit bestimmt schienen, haben sich in Luft aufgelöst. Der Kalte Krieg ist von Gorbatschow und Bush offiziell für beendet erklärt worden. Die Hoffnungen, die diese Entwicklungen freisetzten, waren groß: »Friedensdividenden « sollten in die Dritte Welt umgelenkt werden, die großen Menschheitsaufgaben - Überwindung von ökologischer Krise, Massenverelendung in den Armutsregionen der Welt und Menschenrechtsverletzungen rund um den Globus - könnten gemeinsam angegangen werden, weltweiten Demokratisierungstendenzen und einer Zivilisierung des nunmehr im umfassenden Sinne »globalen Kapitalismus « schien nichts mehr im Wege zu stehen. Der Traum währte nicht lange: Das Ende des Staatsozialismus und der »Siegeszug« des westlichen Gesellschaftsmodells übersetzen sich keineswegs in eine schöne neue Welt, sondern in eine Militarisierung der internationalen Beziehungen, in neue Polarisierungen und neue Konflikte, die in ihren Auswirkungen noch längst nicht überschaubar sind. Die ökonomischen Reformversuche Osteuropas kommen nur schwerfällig voran und sie gehen einher mit dem Zusammenbruch ganzer Wirtschaftssektoren, Massenarbeitslosigkeit, Spekulation, Schwarzmärkten und einer völligen Desorientierung aller Beteiligten: Planwirtschaftler, die über Nacht zu Friedman und Hayek gefunden haben, Marktwirtschaften, in denen es keine Unternehmer und nur wenige Märkte gibt, Gewerkschaften, die zuvor als Handlanger der Partei fungierten und nun erneut im machtpolitischen Abseits stehen, Arbeiter, die auf die Marktwirtschaft hofften und über Nacht zu Arbeitslosen wurden. Der von den Reformern anvisierte Übergang zu einem »domestizierten Kapitalismus mit menschlichem Antlitz« scheint in den Untiefen eines kruden Manchesterliberalismus steckenzubleiben.

Veröffentlicht: 1991-10-01