Aktueller Call

Call for Papers für PROKLA 227 (Heft 2, Juni 2027)

Politische Ökonomie der Faschisierung

Frist für Exposés: 9. November 2026.

Schwerpunktredaktion: Anna Fünfgeld, Tobias Haas, Alexander Maschke, Thomas Sablowski, Dorothea Schmidt und Sandra Sieron.

Autoritäre Kräfte sind weltweit auf dem Vormarsch. Sie regieren mittlerweile in vielen Staaten, nicht nur in der (Semi-)Peripherie, sondern auch in kapitalistischen Zentren wie den USA und Italien. In Deutschland bildete die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt Anfang September 2026 einen vorläufigen Kulminationspunkt der fortschreitenden Rechtsverschiebung. Mit dem Wahlsieg der AfD stellen sich auch hier immer drängender Fragen im Hinblick auf die Auswirkungen einer rechten Regierungsbeteiligung – über den Umgang mit der Einschränkung von Grundrechten, insbesondere von Frauen, Queers und Trans*, aktivistischen und migrantischen Communitys und Menschen mit Behinderung, sowie mit radikaler Kürzungspolitik im sozialen, kulturellen und wissenschaftlichen Bereich, geringeren öffentlichen Investitionen, Einkommensverlusten und einer erwartbaren Verschlechterung der Lebensverhältnisse. Zugleich wird deutlich, dass ein globaler parlamentarischer Siegeszug rechter Akteure alles andere als ausgemacht ist: So wurde etwa Viktor Orbán nach insgesamt 20 Jahren als Regierungschef in Ungarn im April 2026 abgewählt. Inwiefern der neue Ministerpräsident Magyar den in diesem Zeitraum erfolgten autoritären Staatsumbau wirklich rückgängig machen wird, ist gegenwärtig offen. Die Ungleichzeitigkeiten autoritärer gesellschaftlicher Entwicklungen gehen mit einer Intensivierung internationaler Konflikte, regionalen Krisen und Umbrüchen sowie neuen imperialistischen Politiken einher. So hat die wirtschaftliche Konkurrenz aus China die Kräfteverhältnisse im Weltmarkt längst verschoben, was auch den Druck in Verteilungskämpfen in und um Europa erhöht und Brüche in der Ideologie der liberalen Weltwirtschaftsordnung offenbart.
Immer wieder taucht bei dieser unübersichtlichen Gemengelage und Neuformierung von Herrschaftsverhältnissen die Frage auf, inwiefern diese autoritären Tendenzen als Faschisierungsprozess zu bestimmen sind bzw. ob es sich bei den entstehenden Regimes um einen »neuen Faschismus« handelt. Die gesellschaftliche Linke befindet sich in einer kollektiven Suchbewegung, was die Deutung und den Umgang mit gegenwärtigen rechten Politiken betrifft, an die wir als Redaktion der PROKLA mit dieser Ausgabe anknüpfen möchten. Ein Mangel an Thesen zum Für und Wider der Diagnose eines neuen Faschismus besteht dabei nicht; zahlreiche Publikationen und Debattenbeiträge widmen sich explizit der begrifflichen Bestimmung gegenwärtiger Politiken und Staatsformen. Sie schließen vielfach an historische Faschismustheorien an, auch um strategische Handlungsmöglichkeiten in der Gegenwart auszuarbeiten.
Uns scheint es sinnvoll, von Prozessen der Faschisierung zu sprechen, deren Ausgang offen ist und die auch nicht nur von eindeutig als »rechts« zu bezeichnenden Akteuren geprägt werden. Von Interesse für die PROKLA sind daher konkrete Analysen von Transformations- und Wandlungsprozessen gesellschaftlicher Teilbereiche, von Phänomenen und Strukturelementen der Faschisierung. Das schließt eine Betrachtung von unterschiedlichen Ebenen und ihren Verknüpfungen unter Berücksichtigung widersprüchlicher Bewegungen, neuer Fragmentierungen und Ungleichzeitigkeiten mit ein. Uns interessiert, wie sich die Faschisierung im Wandel des Verhältnisses von Kapitalfraktionen zum Staat, im Verhältnis staatlicher Herrschaft zu gesellschaftlichen Regulationsprozessen und im Verhältnis von Produktions- und Lebensweisen zu Formen der Subjektivität artikuliert. Bei der rechten Radikalisierung und damit einhergehenden Verschiebungen in diesen Verhältnissen handelt es sich nicht um der kapitalistischen Produktionsweise äußerliche Phänomene; das Erstarken rechter Kräfte muss vielmehr als Moment der Reproduktion der kapitalistischen Gesellschaftsformationen begriffen werden.
Für die PROKLA 227, die sich den Phänomenen der Faschisierung vor allem aus einer politökonomischen und subjekttheoretischen Perspektive nähern will, bitten wir um Beiträge zu den folgenden Fragen:

1. Welche Formen nehmen autoritäre Politiken gegenwärtig an? Wer sind ihre Träger? Welche Funktionen haben sie? Welche Rolle spielen die Klassenverhältnisse dabei?
2. Wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen autoritären bzw. faschistischen Kräften und dem Kapital in Deutschland und weltweit? Welche unterschiedlichen Orientierungen gibt es innerhalb der Kapitalistenklasse? Welche Teile des Machtblocks unterstützen autoritäre Kräfte (nicht) – und aus welchen Gründen?
3. Worauf gründet die Zustimmung zu autoritären Kräften in den beherrschten Klassen und sozialen Gruppen? Wie werden diese durch autoritäre Kräfte gespalten? Wie gelingt es autoritären Kräften, verschiedene Widersprüche innerhalb der gegenwärtigen Gesellschaften gegeneinander auszuspielen und für ihre Projekte zu nutzen?
4. Inwiefern ist das Erstarken der Rechten eine Reaktion auf die multiple Krise des Kapitalismus? Welche Zusammenhänge bestehen zwischen den autoritären Entwicklungen und der verschärften Weltmarktkonkurrenz bzw. den Verschiebungen in der internationalen Arbeitsteilung?
5. Wie tief sind die Brüche innerhalb der verschiedenen Staaten? Handelt es sich um Entwicklungen, die innerhalb des Rahmens des demokratischen Verfassungsstaates verbleiben, oder bilden sich neue Staatsformen heraus? Sind die Unterscheidungen zwischen der Normalform des demokratischen Verfassungsstaates und den Formen des Ausnahmestaates sowie die eigentlich überkommenen Begriffe des Faschismus oder des Bonapartismus geeignet, um die sich entwickelnden Staatsformen zu begreifen, oder sind neue Begriffe notwendig?
6. Welche Formen des Widerstands gibt es gegen die autoritären Entwicklungen? Unter welchen Voraussetzungen können widerständige Praktiken zu einer emanzipatorischen Gegenbewegung führen? Welche strategischen Herausforderungen stellen sich gegenwärtig für antifaschistische, demokratische und sozialistische Kräfte? In welcher Beziehung stehen sie zu den Erfahrungen mit den historischen Faschisierungsprozessen? Was hat die gesellschaftliche Linke aus dem historischen Faschismus für die gegenwärtigen Entwicklungen gelernt?

Hinweise zur Einreichung

Aussagekräftige Exposés von ca. 2 Seiten mit einem klaren thematischen Fokus (These und geplante Gliederung des Artikels, evtl. Darlegung der Empirie und Literaturauswahl) senden Sie bitte bis zum 9.11.2026 an redaktion[at]prokla.de. Bei Fragen kontaktieren Sie gern die Redaktion der PROKLA.

Vollständige Beiträge werden bis zum 8.2.2027 erbeten und sollen einen Umfang von 45.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen, Fußnoten und Literaturverzeichnis) nicht überschreiten; politisch pointierte Einsprüche haben 15.000 bis 25.000 Zeichen. Siehe auch die Hinweise für PROKLA-Autor*innen