Der 23. April ist von der UNESCO zum »Tag des Buches« erklärt worden. Er wird weltweit mit Feiern begangen. Auch an der FU Berlin wurde 1996 des Tags des Buches, allerdings etwas schwermütig, gedacht. Denn just im April sind Bibliotheksetats der Universitäten um an die 50% zusammengestrichen worden, so daß viele Bibliotheken in diesem Jahr kein einziges Buch mehr werden erwerben können. Zeitungen und Zeitschriften werden abbestellt, was mittelfristig für viele wissenschaftliche Zeitschriften das »Aus« bedeutet, weil die Abos ausgehen. Die wissenschaftlichen Kommunikationsmöglichkeiten werden eingeschränkt. Die Vielfalt, für den wissenschaftlichen Evolutionsprozeß unverzichtbar, wird zur Einfalt, aus der die Sparpolitik ihre Begründung holt. Ebenso planlos und unüberlegt wie in der Phase des klotzigen Aufbaus einer olympischen Hauptstadt wird in Berlin nun zukunftsblind gespart. Am »Rückbau «, wie der Abriß von Gebäuden heute schöngeredet wird, sind immerhin Architekten, Statiker und manchmal auch die Bürger beteiligt. Beim Rückbau der Universitäten entsteht der Eindruck, daß hier nur Bagger, Abrißbirne und Betonköpfe in Funktion sind. Apres nous le deluge. Daß in Berlin und anderswo gespart werden muß, weiß inzwischen jedes Kind. Kinder müssen sich nicht Rechenschaft über die Konsequenzen ihres Tuns ablegen, Politiker und Wissenschaftler aber sehr wohl, und nicht nur in Berlin. Dabei muß eine viel zu selten gestellte Frage aufgeworfen werden: Wie kommt es eigentlich, daß nach Jahrzehnten ungestümen wirtschaftlichen Wachstums in den Industrieländern, nach dem »Sieg im Kalten Krieg« über den »realsozialistischen« Systemwettbewerber, nach dem Triumph eines historischen Modells, zu dessen Bestandteilen auch die weitgehend öffentliche Finanzierung des Bildungssystem gehört, auf einmal die öffentlichen Kassen knirschend leer sind und weltweit die Sozial- und Bildungshaushalte unter dem Beifall selbstbewußter Konservativer und Liberaler zusammengestrichen werden?

Veröffentlicht: 1996-09-01