Nicht erst jetzt ist der Wohlfahrtsstaat ins Gerede gekommen: Die Rede von den »leeren Kassen«, den »überzogenen Ansprüchen« oder der »Überforderung des Sozialstaats« gehen ins dritte Jahrzehnt, an den Stammtischen ebenso wie in der wissenschaftlichen und politischen Öffentlichkeit. Genauso lange sind auch bereits kritische Stimmen gegen die »Rotstiftpolitik«, den »sozialen Kahlschlag« oder die »Demontage« des bis dahin so erfolgreichen bundesrepublikanischen Konsensmodells zu vernehmen. Dabei mußte oftmals der Eindruck entstehen, die oppositionelle Rhetorik sei inzwischen heiser geworden. Wenn Jahre über Jahre mit pathetischer Geste eine stete Wiederholung von »Kahlschlag« und »Demontage« beschworen wurde, schien der Wohlfahrtsstaat mehr als einmal an sein Ende gekommen zu sein und so etwas wie eine mehrfach bestattete Leiche darzustellen. Anders als in zahlreichen apokalyptischen Visionen vorhergesagt, erfolgte der Abbau der wohlfahrtsstaatlichen Strukturen allerdings nicht in rasender Talfahrt, sondern in einem eher gemäßigten Tempo und in widersprüchlichen Formen. Dennoch hat er inzwischen im Großen und Ganzen zweifellos stattgefunden, und die früher nicht immer fundierte Aufgeregtheit der Kritiker dieser Entwicklungen ist sehr viel differenzierteren Analysen gewichen.

Veröffentlicht: 1997-03-01