Zunehmende Arbeitslosigkeit und geringe gesamtwirtschaftliche Produktivitätszuwächse galten bis Mitte der neunziger Jahre in weiten Kreisen als das unausweichliche Schicksal entwickelter kapitalistischer Industriegesellschaften. Doch dann wurden die ersten Konturen des langanhaltenden Wirtschaftsaufschwungs in den USA sichtbar: das explosionsartige Wachstum des Internets, unglaubliche Kurssteigerungen der Aktien junger, in irgendeiner Form mit den Informationstechnologien verbundener Unternehmen – selbst wenn sie nur Verluste vorzuweisen hatten –, eine sinkende Arbeitslosenquote, hohe Produktivitätssteigerungen und schließlich sogar steigende Reallöhne am untersten Ende der Einkommensskala. Kein Wunder also, dass nahezu jede öffentliche Debatte oder wissenschaftliche Veröffentlichung über die deutsche Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik Hinweise auf die Erfolge der US-amerikanischen Wirtschaft einschloss. Es dauerte nicht lange, da war auch ein Name für dieses wundersame Entkommen aus dem bislang scheinbar vorgezeichneten Schicksal einer stagnierenden Wirtschaft gefunden: „New Economy“. Die alten Gesetzmäßigkeiten und Tendenzen des bisherigen Kapitalismus seien überholt, stattdessen würden neue Zusammenhänge gelten, die hohe Wachstumsraten, Vollbeschäftigung und in manchen Visionen sogar die Überwindung des Konjunkturzyklus ermöglichen sollten. Von den Arbeitskräften wäre aber eine höhere Flexibilität erfordert, staatliche Regulierungen, sozialstaatliche Sicherungssysteme und starke Gewerkschaften wären deshalb in der neuen Zeit eher Störfaktoren.

Veröffentlicht: 2001-03-01