,,Die Bilder von Frauen, die der Welt ihre lachenden Gesichter zeigten, von Männern, die ihre Bärte abrasierten, von Mädchen in der Schule, von Jungen, die in kurzen Hosen Fußball spielten: All das war zweifellos ein Schlag ins Gesicht linker Theorien über den amerikanischen Imperialismus ... " - so schreibt einer der prominenten Unterzeichner des US-amerikanischen Manifestes für den Krieg gegen Terror, Michael Walzer, und belegt damit, wie selbst renommierte Sozialwissenschaftler sich derzeit wieder für die Idee vom „gerechten Krieg" erwärmen. Wer würde ernsthaft der gestürzten Taliban- Regierung eine Träne nachweinen, wer der afghanischen Bevölkerung nicht ihre lang entbehrten Freiheiten gönnen, selbst wenn sich diese - nach allem, was man weiß - auf Ausschnitte des Alltagslebens beschränken und möglicherweise nur für einige wenige gelten? Müssen aber solche Schnappschüsse damit einhergehen, dass viele der Fragen, die zumindest in den ersten Wochen des Krieges häufig gestellt wurden, nunmehr obsolet erscheinen? Damals wurde noch darüber diskutiert, dass die USA selbst es waren, die den politischen Aufstieg der Taliban mit Waffenlieferungen begünstigt hatten; dass das ursprüngliche Ziel des Krieges ein ganz anderes war, nämlich Bin Laden tot oder lebendig zu fangen; dass die als unterstützungswürdig geltende Nord-Allianz eine WarlordGruppierung darstellt, die den Taliban in ihren Methoden kaum nachstand; dass zwar über die finanziellen Kosten des Krieges informiert wurde, bis heute über die Zahl seiner zivilen Opfer aber Stillschweigen bewahrt wird. Solche Zusammenhänge werden mittlerweile nur noch vereinzelt thematisiert, doch selbst wenn vielen Kommentatoren Bushs alttestamentarisch inspirierte Rhetorik, die sich um Gott und um „das Böse" in der Welt rankt, etwas bombastisch und überzogen scheint, so hat offenbar mittlerweile eine resignierte Gewöhnung an die neue Normalität stattgefunden: die Normalität militärischer Lösungen für die Probleme dieser Welt, die von westlichen (oder auch von östlichen) Regierungen als Terrorismus definiert werden.

Veröffentlicht: 2002-06-01