Ein im Jahr 2001 in Zambia geborenes Kind hatte nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation eine Lebenserwartung von 36,8 Jahren, ein in Deutschland geborenes Kind dagegen eine von 78,2 Jahren (WHO 2002: 180, 184). Nicht nur im globalen Maßstab sind die Lebenschancen für Arme und Reiche sehr ungleich verteilt. In Deutschland haben Männer und Frauen im untersten Viertel der Einkommensverteilung - unabhängig von anderen Faktoren, die die Sterblichkeit beeinflussen - eine um 6 bzw. 4 Jahre kürzere Lebenserwartung als Menschen im obersten Einkommensviertel (Reil-Held 2000). Arme müssen also auch hierzulande früher sterben. Dass Männer in Deutschland im Durchschnitt sechs Jahre früher sterben als Frauen, dürfte ebenfalls keine biologische Konstante sein, sondern der Preis, den jene für ihre Position in der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und ihre höhere Beteiligung an der Erwerbsarbeit zu zahlen haben (Christen u.a. 2003: 65f). Doch nicht um die Aufhebung solcher sozialen Diskrepanzen geht es, wenn im Mainstream der veröffentlichten Meinung vom gesundheitspolitischen "Reformbedarf" die Rede ist. Das Problem seien die "Kostenexplosion" im Gesundheitswesen und der Anstieg der "Lohnnebenkosten", die Einschnitte bei der gesetzlichen Krankenversicherung notwendig machen wiirden. Die Mär von der Kostenexplosion ist schnell zu widerlegen: Der Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt stieg in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts von 1992 bis 2001 lediglich von 10,1% auf 10,9%. Dieser leichte Anstieg im Einklang mit dem wirtschaftlichen Wachstum entspricht der allgemein zu beobachtenden Tendenz, mit wachsendem Reichtum mehr für Gesundheit auszugeben. Von einer Kostenexplosion oder einem übermäßigen Ausgabenanstieg in der gesetzlichen Krankenversicherung kann nicht die Rede sein. Wenn es ein finanzielles Problem in der gesetzlichen Krankenversicherung gibt, so ist es das Problem unzureichender Einnahmen...

Veröffentlicht: 2003-09-01