Zwar ist selbst für den offiziellen Sachverstand in der Bundesrepublik die Tatsache nicht wegzudiskutieren, ,,daß für den weit überwiegenden Teil der Arbeitslosen und für andere, die möglicherweise einem Erwerb nachgehen wollen(!), gegenwärtig keine Beschäftigungschancen vorhanden sind" (JG 77 /78, S. 126), dennoch scheint es - will man dem Sachverständigenrat Glauben schenken - allgemein am „Willen" zu mangeln, denn Angebot und Nachfrage haben sich in der ökonomischen Landschaft der Bundesrepbulik auf einem so niedrigen Niveau eingependelt, daß trotz (verhaltenem) Aufschwung die Arbeitslosenzahlen nicht unter die Millionengrenze sinken. Der Sachverständigenrat macht dafür (jenseit aller wissenschaftlichen Diskussion) allein die schlechten Bedingungen der Produktion (also der ,,Angebotsseite") verantwortlich, hier wiederum wesentlich die „zu hohen" Löhne - nachdem noch ein Jahr zuvor den Gewerkschaften eine maßvolle Lohnpolitik bescheinigt wurde. Hatte sich diese inzwischen verändert, gar radikalisiert? Durchaus nicht, aber nach einem Jahr stellt der Rat mal eben fest, daß die (von ihm vorgeschlagene) Wirtschaftspolitik halt eine „Schlappe" erlitten hat (vgl. ebd., S. 151). Die Folgerung aus dieser Einsicht ist nun nicht die, das dahinter stehende wissenschaftliche Konzept anzuzweifeln; an diesem wird vielmehr festgehalten und es wird ein neuer (alter) Sündenbock in den Gewerkschaften gefunden. Denn getreu ihrem neo-klassischen Dogma (gab es nicht die Cambridge-Kritik?!) muß „ein mehr als nur zeitweiliges Überangebot am Arbeitsmarkt (...) mit einem zu hohen Lohn zu tun haben." (ebd., S. 140) Hier liegt also für den Rat das „Kardinalproblem": Zu hohe Löhne sind die Ursache des Beschäftigungsproblems; ,,weil nicht genügend Angebot rentabel erscheint, mangelt es auch an Einkommen und an wirksamer Nachfrage." (ebd., S. 127). Von da ab wird dann in der Manier des J. B. Say so lange weitergebastelt, bis die neue Lohnformel steht: Reallohnsenkung, wie es halt der Markt verlangt! (Zu einer treffenden Kritik des Jahresgutachtens vgl. die WSI-Mitteilungen, 1/78)

Veröffentlicht: 1978-03-01