Aktueller Call: CfP für PROKLA 195

2018-10-07

Call for Papers für PROKLA 195
Umkämpfte Arbeit – reloaded
(Heft 2, Juni 2019)

Im Frühjahr 2008 ging die PROKLA unter dem Titel Umkämpfte Arbeitmit Heft 150 neueren Entwicklungen, Widersprüchen und Auseinandersetzungen in Betrieben und auf Arbeitsmärkten nach: u.a. der betrieblichen Leistungspolitik vor dem Hintergrund von Prekarisierung, Subjektivierung und Standardisierung; den Erfahrungen von prekären Arbeitsverhältnissen, die aber mitunter mit einer vergemeinschaftenden Unternehmenskultur verbunden sein können; der zunehmenden Zahl von Solo-Selbstständigen; den Kämpfen um den Achtstunden-Tag im 20. Jahrhundert, den neuen

Seither hat es dramatische wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Veränderungen gegeben: die globale Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007, die auch einen neuen Schub von Austeritätspolitik ausgelöst hat; den Aufstieg rechter Bewegungen und Parteien sowie autoritärer Regierungen in Europa und anderswo, von denen viele den Einfluss von Gewerkschaften und Vertretungen der ArbeitnehmerInnen massiv beschneiden wollen; die starke Zunahme von Flüchtlingsbewegungen – für populistische Gruppierungen Anlass, eine vorgebliche Bedrohung der Arbeitschancen der „Einheimischen“ durch Geflüchtete zu inszenieren und politisch auszuschlachten.

Gleichzeitig zeichnet sich mit der zunehmenden Digitalisierung und der vermeintlich unaufhaltsamen Durchsetzung von Industrie 4.0eine Transformation der Arbeitsorganisation ab, die von herrschender Seite vor allem als Rationalisierung betrieben wird – wie in der PROKLA unter dem Titel Arbeit und Wertschöpfung im digitalen Kapitalismus(H. 150/2017) beleuchtet wurde. Die bereits vor zehn Jahren analysierte permanente Restrukturierung von Unternehmens- und Arbeitsorganisation ist weiterhin zu beobachten und hat die Unsicherheit zu einem dauerhaften Phänomen gemacht. Gewerkschaften und Betriebsräte hatten dem oft nur wenig entgegenzusetzen, und rechte Orientierungen unter Beschäftigten werden unter anderem in den damit verbundenen Erfahrungen von Machtlosigkeit verortet (siehe auch PROKLA, H. 190/2018). Ebenfalls seit den 1990er Jahren wird darüber diskutiert, inwieweit und mit welchen Folgen sich eine neue Grundform der Ware Arbeitskraft mit ihren Merkmalen der Subjektivierung, der Entgrenzung von Arbeit und des Zwangs zur Selbstorganisation herausgebildet hat (damaliges Stichwort: Arbeitskraftunternehmer). Was ist aus diesen vor mehr als einem Jahrzehnt diagnostizierten Tendenzen inzwischen geworden?

Aber es gab in neuerer Zeit auch Entwicklungen, die in eine andere Richtung als die einer zunehmenden Verschlechterung der Position der Lohnabhängigen weisen. So wurde 2015 in Deutschland erstmals ein Mindestlohn eingeführt und dasselbe Jahr zeigte ungewöhnlich viele Arbeitskämpfe: nicht nur Warnstreiks in der Metall- und Elektroindustrie und bei der Post AG, sondern auch von Frauen in Sozial- und Erziehungsdiensten.

Die Flexibilitätszumutungen des neoliberalen Kapitalismus an die Beschäftigten, die häufig mit den Subjektivierungsprozessen einhergehen, haben die Krise der Reproduktion verschärft und die Frage der Trennung von Erwerbs- und Sorgearbeit entlang von Geschlechtergrenzen neu aufgeworfen. Schließlich ist mit der Politisierung der ökologischen Krise die Zukunft der Erwerbsarbeit in zentralen Branchen wie der Automobilindustrie und der konventionellen Energieerzeugung höchst ungewiss geworden. Beide Entwicklungen könnten dazu beitragen, dass die in den 1970er und 1980er Jahren diskutierte Frage der Gebrauchswertorientierung von Arbeit wieder auf die politische Tagesordnung zurückkehrt.

Ziele des geplanten Heftes Kämpfe um Arbeitsind: erstens, zentrale Konflikte um Arbeit in den Gesellschaften des globalen Nordens und darüber hinaus zu identifizieren; zweitens, diese Konflikte in ihrer Bedeutung für eine Transformation des Kapitalismus, der bestehenden Geschlechterarrangements und der Naturverhältnisse einzuschätzen; und drittens, zu untersuchen, wie die Kämpfe um Arbeit gewerkschaftliche Politik und Machtressourcen tangieren und welche Herausforderungen für Gewerkschaften aus ihnen resultieren. Im Einzelnen sollen folgende Fragen behandelt werden:

  • Wo liegen die rationalisierenden, wo die humanisierenden Potenziale von Digitalisierung und Industrie 4.0? Wie verhalten sich beide zueinander? Unter welchen Voraussetzungen ließen sich die humanisierenden Potenziale stärken?
  • Wie gestaltet sich das Verhältnis von Autonomie und Unterwerfung in der Arbeitswelt, inwieweit brechen sich neoliberale Anforderungen an den Gerechtigkeitsvorstellungen der Beschäftigen, was wären Voraussetzungen für die Aktualisierung widerständiger Potenziale?
  • Welche Auswirkungen hat die ökologische Krise auf die Erwerbsarbeit? Inwieweit vertieft sie das jobs-versus-environment-dilemma, inwieweit bietet sich die Möglichkeit, Kämpfe um den Erhalt von Arbeitsplätzen an eine sozial-ökologisch nachhaltige, gebrauchswertorientierte Produktion zu koppeln?
  • Wie haben sich Arbeitszeitregime verändert? Wo liegen die Chancen und Grenzen einer Arbeitszeitverkürzung, auch im Hinblick auf eine andere Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit sowie als Voraussetzung für nachhaltigere Produktions- und Konsummuster?
  • Mit welchen Dilemmata und Herausforderungen sind Gewerkschaften derzeit konfrontiert? Welche einschlägigen strategischen Debatten finden in ihnen, u.a. zur Tarifpolitik, statt? Welche Vorstellungen und Erfahrungen gibt es zur Mitgliederentwicklung, Mobilisierung und demokratischen Beteiligung?
  • Welche Arbeitskämpfe werden jenseits unserer Grenzen, etwa in der rasch wachsenden Industrie Chinas und anderswo geführt?

Die Redaktion lädt zur Einsendung von Exposés von 1-2 Seiten bis zum1. November 2018 ein. Die fertigen Artikelsollen bis zum 1. März 2019 vorliegen und einen Umfang von 45.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen, Fußnoten und Literaturverzeichnis) nicht überschreiten. Zusendung bitte als word-, RTF- oder ODT-Datei mit Angabe des AutorInnennamens an:

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